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Auszug aus Herrn Winzigmanns Reise durch das Land der Geheimnisse. Hardcover-Ausgabe. Elfenschloss und Krakenstadt. (Ab 8 J.). von Helmut Glatz. ISBN 3-902400-01-3 Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
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„Das Interessanteste aber kommt noch!“sagte er schließlich. „Die Ballonkröten können fliegen.“ „Sie haben Flügel?“ „Eben nicht! Wenn sich die Tiere zu einer Kugel zusammenrollen, sind sie nach außen luftdicht abgeschlossen. So wie ein Ballon (deshalb der Name). Und wenn sie fliegen wollen, dann pumpen sie einfach Luft in sich hinein.“ „Wirklich toll“, staunte Bronti. „Dabei wachsen sie natürlich“, erklärte Herr Winzigmann weiter. „Sie blasen sich auf. Und werden ungefähr so groß wie... na ja, so groß wie mein Kopf.” „Und dann fliegen sie?“ „Noch nicht. Dann stellen sie erst einmal ihren Heizofen an. Ich meine das natürlich im übertragenen Sinne. Sie verfügen nämlich über die Fähigkeit, die Luft in ihrem Körper zu erhitzen. Der Rest ist ganz einfach: Warme Luft steigt nach oben. Und wenn die Luft in den Ballonkröten warm genug ist, erheben sie sich und fliegen auf Nimmerwiedersehen davon.“ „Und solche Ballonkröten habt ihr beobachtet?“ „Das kann man wohl sagen!”, bestätigte Herr Winzigmann. “ Über dem Grasland weht ein ständiger Wind. Und vom Windhauch getrieben segeln die Tiere durch die Gegend. Mal höher, mal tiefer, mal einzeln, mal in Gruppen. Manchmal sogar in riesigen Schwärmen von Tausenden von Exemplaren. Das Dumme dabei ist, dass sie nicht steuern können. Sie werden immer dorthin getrieben, wo der Wind gerade hinweht.“ „Und wenn sie landen wollen?“ „Dann lassen sie sich abkühlen. Kalte Luft fällt nach unten.“ „Und sie haben euch nichts getan?“ erkundigte sich Bronti. „Aber nein! Ballonkröten sind völlig ungefährlich, wenn nicht... aber davon erzähle ich euch später! Am zweiten Tag, es war abends und wir hatten gerade unsere Decken ausgebreitet, sahen wir übrigens in der Ferne einen Zug von Hanifhaften. Ich kann euch sagen, gespenstisch! Eine lange Karawane schlanker, nebelgrauer Gestalten. Uns lief richtig eine Gänsehaut über den Rücken. Man sagt, Hanifhaften von links bringen Unglück. Und die kamen von links!“ „Aber was sind denn Hafinaften?“ Dini ringelte ihren Schwanz unwillkürlich zu einem Fragezeichen zusammen. „Sind sie gefährlich?“ „Hanifhaften!“ verbesserte Herr Winzigmann und senkte geheimnisvoll die Stimme. „Ob sie gefährlich sind, weiß man nicht. Manche Leute behaupten, sie seien die seltsamsten Lebewesen, die es gibt. Aber sind es überhaupt Lebewesen? Oder etwas anderes, Unheimliches, Gruseliges, Grauenvolles?“
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Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
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Der Gleichmut des Organisten
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Eine Tüte des weltgrößten Lebkuchen-Versandhauses an die barocke Kirchenbank gelehnt. Die Handschuhe gefaltet. Bach aus den Schübler-Chorälen. Die Geheimratsecken der Gassen und die schlaflosen Holzaugen. Hundshäuternes Lachen in Fußgängerzonen. Die Herbergssuche im Showroom, zwischen Strapsen, Strick- und Miederwaren. Barhäuptige Glühweinbudenbesitzer und Adventskränze, die von schiefen Haussegen herabhängen. Hutzeliges Fachwerk, aneinandergebuckelt zu Gässlein und Gassen. Jesus auf der Discokugel. Der vorweihnachtliche Brauch des „Möppelns“ soll in der Volksschule Baunach wiederbelebt werden. Eine aktuelle Forschung zu Fußgängerunfällen wird vorgestellt: Um den Kopfaufprall im hinteren Motorhaubensegment zu dämpfen, müssen denkbare Schutzkonzepte getestet und vermarktet werden. Tretter-Tüten rascheln lauter als Sport-Scheck-Tüten. Sport-Scheck-Tüten rascheln leiser als Tack-City-Schuh-Tüten. Tack-City-Schuh-Tüten rascheln lauter als Müller-Brot-Tüten. Der Himmel reißt auf und ein großer, knochiger Finger zeigt dorthin, wo der Zimmermann das Loch gemacht hat. Seniorenstiftbewohner kleben aus Klorollen einen Nikolauswald. Ein U-Bahn-Ausgang spült im Zehnminutentakt eine Traube Angestellter an die Oberfläche,würgt zwei Hausfrauen hinterher. Dann ist es ruhig, nur der Dezemberwind spielt im Untergrund, zwischen Schienensträngen mit grauen Ratten. In den Zügen des ÖPNV riecht es an langen Samstagen nach der abgestandenen Luft in Krankenhauszimmern, nach Zimmern, in denen gestorben wird. Der Gleichmut des Organisten bei Bach aus den Schübler- Chorälen. . ..zurück..
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Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Klaus Köhler Alle Rechte vorbehalten.
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Sicher ist sicher
Ein Mann, im Auto, fährt nach Haus. Die Straßen liegen nächtlich leer. Ein großer Wagen fährt voraus, der Mann, entspannt fährt hinterher. Da, weiter vorn ein helles Licht, das scheint von oben auf die Bahn. Der Fahrer vorn, er wird doch nicht...? Tatsächlich hält der Wagen an am Zebrastreifen, der dort quert. Was soll das nur? - Niemand zu seh’n! Was läuft da vorn denn nur verkehrt? Sollt’ doch jemand hinübergeh’n? - Nun fährt der Wagen wieder an. Der Mann im hint’ren Auto stutzt. Er schaut, ob er nun sehen kann wer diesen Übergang benutzt’. Sieh da! Wer hätte das gedacht? Ein Igel hat Gebrauch gemacht von diesem sich’ren Überwege und strebt nun eilig zum Gehege aus Büschen, Sträuchern, Hecken mit vielen leck’ren Schnecken.
Klaus Köhler 1.10.2004
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Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Rudolf Anton Fichtl, Alle Rechte vorbehalten.
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Der aktuelle Literaturtipp
Im Gries, Grus, Gros, Gras auf den Malediven,
da lies, lus, los, las er von Leni Riefen-
stehl, stiehl, stuhl, stohl, stahl eines ihrer Bücher,
em pfiehl, pfuhl, pfohl, pfahl dennoch Georg Büchner
Rudolf Anton Fichtl
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Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Frits Schmidt Alle Rechte vorbehalten.
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Erhabener allmächtiger guter Herr, Dir sei der Lobgesang, sei Ruhm und Ehre und alle Wohltat. Dir allein, Erhabener, seien sie, ist doch keiner der Menschen würdig Dich zu nennen.
Sei gepriesen, mein Herr, mit allen Deinen Geschöpfen, allen voran in Bruder Sonne, der den Tag uns bringt und das Licht uns schenkt. Schön ist er, strahlend und mit großer .Pracht, zu Dir, Erhabener, ist er Tor der Erkenntnis.
ei gepriesen, mein Herr, in Schwester Mond und den Gestirnen, an den Himmel hast Du sie gestellt, klar und kostbar und schön.
Sei gepriesen, mein Herr, in Bruder Wind und in Luft und Wolken und heiterem Himmel und jedem Wetter, durch sie gewinnt Deine Schöpfung Leben.
Sei gepriesen, mein Herr, in Schwester Wasser, die so nutzbringend ist und demütig und köstlich und keusch.
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Copyright © 1984/1988. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Martje Herzog-Grohmann, Alle Rechte vorbehalten.
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Ich hatte einst ein schönes Vaterland
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In diesem letzten Winter in Berlin, es war 1920, und man fing an, sich innerlich etwas von den Folgen des Krieges zu erholen, hörte ich zum ersten Mal den Namen Brecht. Es fand ein großer Maskenball im Kunstgewerbemuseum statt, einer der aufwendigsten und originellsten, aber mein Vater erlaubte mir immer noch nicht, teilzunehmen, obwohl es bei diesem Fest gesitteter zuging als auf manchen anderen, bei denen zu fortgeschrittener Stunde die Lichter gelöscht wurden und die Paare auf bereitgelegten Matratzen herumknutschten. Da ich selber nicht gehen durfte, nahm ich um so größeren Anteil an den Erzählungen meiner Freundinnen. Eine von ihnen war Dora Mannheim. Sie ging als Afrikanerin im Baströckchen und braungeschminkt zum »Stakugenu« und fiel mit diesem Originalkostüm anscheinend unangenehm auf. Als sie schon gehen wollte, weil niemand sich so recht um sie kümmerte, kam eine hagere Gestalt in einer braunen Mönchskutte auf sie zu und fragte, ob er mit ihr tanzen dürfte. Es sei ein Wagnis, meinte er, er könne es nämlich nicht sehr gut. Und nachdem er ihr eine Weile hilflos auf den nackten Füßen herumgetrampelt hatte, zog er es vor, sich mit Dora in eine Ecke zu setzen, wo er ihr bis ins Morgengrauen Geschichten erzählte. Danach brachte er sie artig nach Hause und gab ihr noch zum Abschied ein Heft mit, in dem sein erstes Theaterstück geschrieben stand. Er heiße Bertolt Brecht und wolle Schriftsteller wer-den. Dora kam mit dem Manuskript zu mir, weil sie meinte, ich könnte besser beurteilen, ob es etwas taugte. Ich verstände mehr von Literatur als sie. Es war ein ordinäres Schulheft, ganz mit kleinen Buchstaben vollgekritzelt. »Wenn es gut ist«, sagte meine Freundin noch, »dann fange ich mit ihm ein Verhältnis an, eist nämlich in mich verliebt.« Ich las das Heft sofort durch. Ich verschlang es und las es noch einmal und kann es nur auf Eng-lisch sagen: »It swept me off my feet.« Nie zuvor hatte ich etwas Vergleichbares gelesen, obwohl ich vertraut war mit den modernsten expressionistischen Stücken von Wedekind, Barlach, Hasenclever, Sorge und Werfel — aber dieser >Baal< von Bertolt Brecht war etwas ganz Unerhörtes. Von dem Stück ging eine außerordentliche dramatische Kraft aus, eine wilde wütende Poesie zog mich mit sich fort. Spitze Worte, schneidende Sätze schlugen einem ins Gesicht, die der Umgangssprache merkwürdig nahe waren; ich griff zum Telefon und rief Dora an: »Du kannst mit diesem jungen Dichter ruhig ein Verhältnis anfangen. Er wird einmal der größte Dichter Deutschlands werden.«Aber es ist nie etwas Dauerhaftes aus dieser verliebten Laune geworden, wohl, weil Dora Bert Brecht nicht richtig verstand. Dabei hat er ihr wunderbare Briefe geschrieben, von denen sie anläßlich seines Todestages einige veröffentlicht hat:
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Copyright © 1984. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Martje Herzog-Grohmann, Alle Rechte vorbehalten.
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Der Inkapfad
Der Inkapfad, von Schweiß und unzähligen barfüßigen Tritten im Trab in den rauhen Granit des Berges geätzt, führt steil auf den nebligen Grat. Dort oben liegt altes Gemäuer und grüner Hinweis auf halbbegrabenen Acker. Dort oben liegt auch ein Stein. In einem Jahr als die Sonne den Nebel durchbrach wachte er plötzlich auf in fremder Umarmung. Ein brennender Strom heidnischer Liebe floß über ihn dahin.
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Copyright © 2001. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Gertraud Regele, Alle Rechte vorbehalten.
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Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Hannes Kothe-Opperau, Alle Rechte vorbehalten.
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Eines Tages wurde der alte Böglvater sehr krank. Er wurde gepflegt von Tochter und Enkelin und besucht von den Dorfleuten. Die Rosi mußte ihm die Sterbegebete aus dem „Gottesdienst“ vorlesen. Einige Wochen lag er da, doch eines Tages stand er auf, zog sich an und erschien beim Jagerbauern, als ich gerade Milch holte. „Ja, du kimmst daher“, begrüßte ihn die Jagerin, „und i hab gmoant, der Boandlkramer laßt di gar nimmer aus“. „Ja freili“, konterte der Bögl, „da holt er scho zerst di oder moanst, daß du dableibn derfst zum Weltabbrecha. Und überhaupt, wann i zerst geh muaß, na hol i di. Aber heit geh i no zum Wirt.“ Am anderen Tag hantierte die Jagermutter sehr schweigsam in der Küche, als ich hineinkam. In der Nacht war der alte Bögl gestorben. Die Jagermutter hatte schon immer Angst vor dem Sterben gehabt. War doch das Wohnhaus ganz an den Friedhof angelehnt, sodaß sie immer daran erinnert wurde. Freilich lachten sie darüber. Wenn die Jagerin beispielsweise zum Bögl sagte, daß sie „drüben“ einmal einen Samtsessel bekäme und er nur einen Holzschemel, meinte dieser, daß sie sicher Holzscheitl knien müsse, bis sie der Petrus hineinlasse. Mit diesen Plänkeleien war es nun vorbei, und die Jagerin blieb voll Angst zurück, der Ankündigung des Böglvaters gedenkend. Als sie den Böglvater am Beerdigungstag aus dem Haus trugen, sah ich mit meinen beiden Kindern im Arm vom Wohnzimmerfenster aus zu. Uli meinte: „Du hast gsagt, daß er jetzt beim lieben Gott is und daweil grabn s`n im Friedhof drübn ei.“ „Ja, aber doch nur den Leib, Uli, die Seele kommt in den Himmel.“
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Das Innenleben des Buches
Da haben sie Berziger geraten, sich wegen seines Herzens an eine Schule aufs Land versetzen zu lassen, weil dort die Verhältnisse noch ruhiger und ausgeglichener seien. Und er erlebt dort auch etwas, was mit dem Herzen zu tun hat. Bernd hatte sich ganz seiner Karriere gewidmet und seine Lisa damit schier in die Verzweiflung getrieben – am Ende gehen seine Gedanken in Richtung eines etwas ruhigeren Landlebens. Ob das dann nur in seinem Kopf bleibt? Auch Hans Bärlapper begegnet dem Leser in diesem Erzählband wieder in einigen Episoden. Am Ende feiert Tom, der Journalist, seine eigentümliche Auferstehung im Irrenhaus (nachdem in dem Buch ein namenloses Ich von Epfach aus über den Hirschauer Weg nach Vilgertshofen gepilgert war). Einige Auszüge Herz – und so „Ich werde den Trottel aus der Klasse entfernen müssen!“, ärgerte sich Berziger. „Der macht mir den ganzen Unterricht kaputt! Allein durch seine Art. Die leeren Augen. Sein schlaffes Gesicht. Der Sabber in den Mundwinkeln. Immer, wenn die anderen ihn ansehen, müssen sie ihm irgendwas antun. Grimassen schneiden,Papierknäuel werfen … Häme. Ein böses Vergnügen.“ „Runter zur Aufsicht“, mahnte er sich. „Nein. Das schaffe ich jetzt nicht. Hundselend ist es mir. Es pfeift wieder so in den Ohren. – Ein verdammter Flop, die Versetzung aufs Land damals. Hierher. Wo man sich angeblich schonen kann.“ Im Pausenhof war sein Sorgenkind jetzt wieder Mittelpunkt. „Sie lassen Dampf ab an ihm.“ „Greife schon lange nicht mehr ein“, murmelte Berziger vor sich hin. „Gelegentlich Mitleid. Aber wer weiß, so einer fühlt sich auch irgendwie wohl. Einer wie der fühlt anders als unsereiner. Ein einfaches, leichtes Leben!“, redete sich Berziger heraus. Er sank auf den Stuhl. „Etwas Tee.“ Er nahm einen Schluck. Es tat wohl. „Dem seine Ansprüche an das Leben sind viehisch parterre. Wohl von Vaters Kühen abgeschaut“, fand sich Berziger erneut in seinem Selbstgespräch. „Der nimmt, was kommt – was unsereiner längst übersieht. Was weiß so einer schon um unsere Höhenflüge – um unsere Abstürze? Seine Genussebene ist viehisch. Durch die Last unserer Ansprüche ist dieses Paradies aus uns rausgequetscht. Der hätte sogar Anlass, über unsereinen zu lachen! Aber eigenartig. Habe ich ihn überhaupt schon mal lachen sehen?“ Berziger kramte seine Pillen hervor. „Verdammt flau. Aber nicht wieder Wochen ausfallen. Die Kollegen … Dieser stechende Schmerz im Brustkorb!“ Dann war Berziger wieder vor die Klasse. Der Einstieg ins Thema gelang nicht. Die Tabletten wirkten kaum. Die Klasse war unruhig. „Es nervt!“, sagte er – ohne gehört zu werden. Herzstechen. Er schleppte sich zum Pult. Ihm drehte sich alles vor den Augen. Berziger nahm noch wahr, dass die Schüler umhersprangen und das Schwätzen längst in lautes Lärmen übergegangen war … equadratviertel Aufs Geratewohl – und für seine Verhältnisse wiederum geistig ordinär – war Kobenmüller einfach abgehauen, ohne weiter zu kalkulieren und zu berechnen. Sein Instinkt, dem er zu vertrauen beschlossen hatte, trieb ihn in die Richtung Osten und dabei südlich. Und auf Bali dockte er nach geraumer Zeit an. Zunächst wie alles Neue unkommod, stellte sich jedoch unverhofft und aufs Höchste überraschend Ruhe ein, und er fand sich schließlich gut zurecht. Dann war es auch so weit, dass sich so etwas wie ein mehr oder minder unangefochtenes Sein in ihm ausbreitete: Sonne, Strand, Hüttenleben – und der pralle Segen der Liebe … Kobenmüller genoss, was er ehedem als kitschiges Klischee verlacht hätte. Danach bist wieder bei uns Dann ertastete er einen Rahmen, hinter dem sich eine Einbuchtung ausmachen ließ. Es musste die Tür zum Wohnraum sein. „Reingehen!“, befahl er sich. „Dort drinnen die Streichhölzer holen, ich weiß ja, wo sie‘s immer haben!“ „Der verdammten Dunkelheit den Garaus machen! - Garaus, Mensch, schau zu, dass dir keiner den Garaus macht, denn bis jetzt sind sie bloß aufeinander losgegangen. Aber wer weiß, ob ich nicht auch mal dran bin. Jetzt ...“ Er stockte einen Augenblick und überlegte, wie er reagieren würde. Dann nannte er sich aber einen Idioten und schlich hinein und fingerte sich an den Gegenständen entlang. Die Örtlichkeit war ihm fast vertraut:
„Die Kommode ganz links. Dahinter muss die Nähmaschine sein. Klar. Dann die Ecke. Auf der Anrichte die gerahmten Fotografien. Gleich nebendort müssten die Zünder liegen, dort hat sie der Iwan immer runter genommen, wenn er sich eine von seinen stinkenden Selbstgedrehten anstecken hat wollen.“ „Immer ganz vorsichtig entlangtappen! Zur Sicherheit die Sachen ein wenig abtasten!“
„Bloß nicht noch mehr Krach machen wie mit dem Knarren vorhin!“ „Nichts umschmeißen!“ „Herrgott! Scheiße, Fingerabdrücke!“, schockte er sich selber. „Wenn jetzt doch was ist, dann habn sie mich am Arsch, weil ich alles angefasst hab!“ Er fingerte schon nach dem Sacktuch. Er holte sich aber aus dem Schock, in den er sich selber versetzt hatte, gleich wieder heraus: „Wie im Krimi. Bin ich ein Spinner? Das kommt von dem saublöden Fernsehn! Fingerabdrücke. Kripo.“ Ein Rebell vom Lechrain (nach einer wahren Begebenheit) Protokoll I. Theil aufgenommen am königlichen Landgericht zu Kempten in Sachen Schilcher Georg, Kalkbrenner zu Hohenfurch, gegen Papierfabrik Hegge mit Sitz Schongau wegen Forderung. Kempten, den 4. November 1910. Als da zur Verhandlung ansteht die Forderung des Schilcher zu Hohenfurch gegen besagte Papierfabrik wegen der Schädigung am Eigentume des Klägers, nämlich der Zertrümmerung seines Fährkahnes, und Behinderung in der Ausübung seines Geschäftes, nämlich des Seilfährbetriebes über den Lech. Beklagte Partei soll durch mangelnde Sorgfalt im Betrieb ihres neuen Flusswehres am Lech und der dadurch erfolgten Eisschoppung dem Kläger einen Schaden zugefügt haben. Genannter Schaden wird vom Kläger mit 180 Mark beziffert. Gegenwärtig: Königlicher Landgerichtsrat Seidlmayer als beauftragter Richter, königlicher Sekretariatsassistent Herrmann als stellvertretender Gerichtsschreiber. Im heutigen Termine haben sich eingefunden: Toms Auferstehung (all denen, die Toms Niedergang mitverfolgt hatten) Tom hatte sich ja in seinem Job als Journalist, nämlich in seinem Bemühen, nichts weniger als die Zeit zu dokumentieren, in genau dieser verloren. Es war schließlich alles ganz schlimm für und über ihn gekommen. Am Ende balancierte er am Rande des Wahnsinns entlang und geriet zumindest zeitweise ganz in diesen.
Nun, da er nicht mehr über sich, geschweige denn für sich sprechen kann, muss jemand anderes diese Aufgabe übernehmen. Und da sei zunächst offen gestanden, dass man sich dann in dieser Stellung in der gar misslichen Lage der schieren Unkörperlichkeit befindet. Anwesend nur im Geiste – und man kommt sich in dieser Rolle doch auch einmal vor wie ein Gespenst, das überall sein Wesen treibt, und zwar im Innen- wie Außenleben der jeweils dargestellten Figur. Bei diesen Umtrieben soll man sogar als der allwissende Erzähler firmieren, wie gerne behauptet wird. Bei der Geschichte von Tom kann jedoch nicht darauf verzichtet werden, in dieser gleichsam bürgenhaften Art zu agieren. Tom scheint, wie bereits angemerkt, wenigstens für eine Weile nicht in der Lage zu sein, seine Interessen beispielsweise mittels Personenrede, wie er es vordem gerne getan hatte, selber einer einigermaßen gerechten Darstellung zuzuführen. Über Tom kann nunmehr für den Fortgang dieser Darlegung hier etwas Wesentliches eröffnet werden. Sein Aufenthaltsort war für einige Zeit ein in der Nähe von München eingerichtetes Irrenhaus (dass es sich bei dieser Benennung um eine beim Fachpersonal der Nervenheilanstalten äußerst verpönte Begriffswahl handelt, die hingegen in den Köpfen der Leute offenbar nicht zu tilgen ist, sei aus Gründen der angemessenen Distanzierung angemerkt). Man hatte Tom nämlich in der Fußgängerzone dieser reizenden, in manchen Bezirken überaus gemütlichen, jedenfalls Störungen ziemlich abholden „Weltstadt mit Herz“ aufgegriffen. Er war mehrere Wochen, zunehmend abgerissen in seinem Outfit und anscheinend auch in seinem Geisteszustand, dort umhergestrichen. Passanten, besonders die vielen lässigen Flaneure, hatte er angemacht (wie das salopp genannt wird). Er agierte unter der Vorgabe, die Leute zu interviewen. Das war immerhin wegen Toms äußerer Erscheinung und der zunächst nur als reichlich wirr empfundenen verbalen Ausbrüche als groteske Bereicherung in der Fußgängerzone begriffen worden. Ja, viele Male hatte man es begrüßt, belacht und willig bedient. Tom hätte sich über die ganze Traube belustigter Interessierter freuen können, die sich immer wieder einmal bildete, wenn er mit lauten Reden so richtig in Fahrt war (sollte er sich – was zu bezweifeln ist – als Fußgängerzonen-Clown betrachtet haben). Es mochte sein, dass schließlich viele Leute annahmen, Tom laufe sich immer mehr aus dem Ruder und bringe es damit zur Gefahr nicht nur für sich – was wohl als vernachlässigbar angesehen worden wäre –, sondern auch für einen selber als ahnungslosen Mitmenschen, wenn man in einer bei so einem durchaus ständig zu befürchtenden Krise in seine Nähe gelangte. Schließlich griffen die städtischen Ordnungskräfte ein – und ganz entschieden zu. Es hieß, dass etlichen Passanten Toms Auftritte „politisch zu einseitig und über die Maßen garstig“ (so die Formulierung einer distinguierten Dame) erschienen. Was dieser Mensch da von sich gebe, verlautete dann bei den so genannten Einvernahmen von Zeugen, sei gelegentlich nicht nur ordinär, sondern drifte obendrein gefährlich links ab. Damit war so etwas wie ein Stichwort gegeben, und jetzt sprudelte es heraus: Dieser Mensch habe sogar zu so etwas wie einer Revolte gegen einen bestimmten Personenkreis aufgerufen. Und man habe immer sofort gewusst, um wen es sich in diesen Ausbrüchen nur handeln konnte. Es sei da nämlich um Leute gegangen, die durch Geschick, Glück oder einfach nur durch Erbe zu etwas gekommen waren – wofür man sie ja schließlich nicht verurteilen könne. Irrsinnigerweise über das Anzünden von Schlössern und über das Verbrennen von Antiquitäten habe er flammende Reden geführt – weswegen man sie eben eine ganze Zeit lang als Ulk habe hinnehmen und sich darüber amüsieren können. Doch endlich habe sich dieses Unbehagen eingestellt, gefolgt von der Überzeugung, dass das ja zum einen in diesem unserem Lande mit seinen architektonischen und sonstigen Kostbarkeiten und noch dazu in einer Zeit des zunehmendenTerrorismus völlig unerträglich sei. Solche sich tief einnistenden Beschwerlichkeit durchlebte und durchlitt Tom, was ihn schließlich aus der Fassung brachte.) Es steht allerdings gleichfalls zu vermuten – um nach dieser kurzen Rückschau den Faden der unmittelbar anstehenden Geschichte wieder aufzunehmen –, dass auch Toms äußerer Zustand Anlass gab, ihn aus der Öffentlichkeit, der sozusagen guten Stube dieser Stadt zu entfernen. Denn bekanntermaßen ist diese von Publikum aus aller Herren Länder bevölkert, das sich beispielsweise zahlreich zur Betrachtung des spielwerklichen Schäfflertanzes zum späten Vormittag am Rathaus zu treffen pflegt. Gerade da und genau zu der Zeit dieser Abhaltung tauchte Tom nämlich, seiner Ausströmung nach gewissermaßen aus dem Kanal, auf und ging die Gaffer an. Dass ihn dieser nahezu fäkalische Geruch umgab und er sich extrem underdressed zeigte in dieser schicken Flanier- und Einkaufsmeile, mochte der vorherrschende Grund gewesen sein, dass man ihn weggeschafft hatte. Letztendlich muss natürlich die Erkenntnis Raum greifen, dass Toms In-Obhut-Nahme sozusagen doch irgendwie auch zu seinen Gunsten geschah, da er sich outdoors mit einiger Sicherheit doch allmählich aufgerieben hätte. Bei der Einlieferung in das Irrenhaus hatte Tom dann alles ihm Vorgelegte willig und ohne auch nur den Anschein zu erwecken, dass es ihm lästig sei, unterschrieben. Einen Stift in der Hand zu halten und sich damit zu betätigen, schien ihm gut zu tun.…
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Copyright © 2007. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung von Juan Molina Céspedes, Alle Rechte vorbehalten.
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...Hier starb gerade seine letzte Hoffnung, jemanden zu finden, der ihm zumindest diese Nacht eine Unterkunft hätte gewähren können. Auf einer Bank sitzend, erinnerte er sich an die Abende zu Hause – sicher würden seine Eltern und Geschwister um diese Zeit schon zu Abend essen, vielleicht gab es Steak mit Reis, Kartoffeln und Tomatensalat oder Erdnußsuppe oder Nudeln mit Hühnerfleisch, vielleicht waren aber alle auch schon schlafen gegangen und genossen die Bequemlichkeit und Wärme im eigenen Bett. Er dachte auch an seine Zeit in Hamburg und sehnte sich nach den Abenden in seiner kleinen Wohnung, allein oder mit einer Freundin. Als die Nacht mit ihrer schwarzen Decke das Licht des Tages vollständig verhüllt hatte und die Stadt und der Himmel ihre Lichter angezündet hatten, wurde Tóño sentimental und fühlte sich sehr allein. Er hatte den Wunsch zu weinen, doch ein Knoten in seinem Hals ließ das nicht zu. Die Einsamkeit, die Stille der Nacht und die Unsicherheit des Unbekannten machten ihm Angst. Zu Hause bei seinen Eltern war immer, wenn er heimkehrte, auch wenn der Tag noch so ermüdend gewesen war, jemand, der ihn erwartete, und immer gab es etwas Warmes zu essen und ein bequemes und kuscheliges Bett zum Ausruhen. Doch jetzt, so weit von seinem Elternhaus, fühlte er sich auf sich allein gestellt, hatte Hunger, doch nichts zu essen, war müde und hatte keinen Platz zum Ruhen. Je weiter die Nacht voranschritt, desto kälter wurde es, und um gegen die Kälte anzukämpfen, ging er diesen langen, endlos scheinenden Boulevard entlang, obwohl seine Füße ihm schmerzten. Um die Angst und die Sorgen aus dem Kopf zu verscheuchen, begann er, laut mit sich selbst zu sprechen, ohne sich um die kritischen und bedauernden Blicke der wenigen Passanten, die er noch traf, zu kümmern. Nach und nach versagte jedoch seine Stimme und wurde zu einem Schluchzen. Er setzte sich auf eine Bank, stützte seinen Kopf in beide Hände und begann zu weinen. So befreite er sich endlich von dem gewaltigen Druck, der sich in seinem Inneren angestaut hatte. Nach einigen Minuten fühlte er sich etwas erleichtert und beruhigte sich ein wenig, doch nicht für lange Zeit, denn plötzlich fühlte er wieder panische Angst, als er daran dachte, was wohl mit ihm passierte, wenn er ausgerechnet in seiner jetzigen Situation krank würde oder Zahnschmerzen bekäme. In diesem Fall wüßte er nicht, wen er um Hilfe bitten oder was er tun sollte, denn er hatte kein Geld für einen Arztbesuch. Bei dieser schlimmen Vorstellung fühlte er sich schlecht, und dies war gleichzeitig eine Warnung für ihn – er durfte seine Gesundheit auf keinen Fall vernachlässigen. In diesem Augenblick der Verzweiflung und Nervosität senkte Tóño den Kopf, schloß die Augen und begann zum ersten Mal, sich mit leiser Stimme selbst dazu zu überreden, daß er gesund sei, nicht krank werden und keinerlei Schmerzen spüren dürfe, er sagte es immer und immer wieder. Von nun an praktizierte er diese Form der Autosuggestion täglich, ja schließlich wurde dies zu einer ganz persönlichen Gewohnheit Tóños, von der er auch später nicht mehr abließ. War es Zufall oder nicht, er spürte in sich nicht nur einen positiven Einfluß nach seiner Meditation, sondern sie gab ihm auch ein gewisses Vertrauen und Sicherheit, wenn er schwere Augenblicke durchmachte oder sich schlecht fühlte....
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Leseprobe „Schlechte Nacht Geschichten“ Er, Sie, Es ©2004 Boris Schneider Ein Schrei gellte durch das hübsche Einfamilienhaus am Rande der Kleinstadt: „Aaaarmin! Aaaarmin!“ Tanja stand im Flur und starrte angeekelt auf den Boden. Eine Gänsehaut überzog ihre Arme und Beine, die aus dem bunten Sommerkleid schauten. „Aaaarmin! Komm mal schnell! Hier liegt irgendwas!“, kreischte sie erneut.Der Grund ihrer Hysterie war ein kleiner, grünlich-grauer Schleimklumpen, aus dem einige wirre Arme und Beine herausragten. Er war in etwa so groß wie eine Spinne - eine große Spinne allerdings - und wenn Tanja etwas näher herangegangen wäre, hätte sie zwei winzige, glutrote Augen sehen können, die sich gerade öffneten und zwischen den Armen und Beinen hervorstarrten. Dieses Etwas lag mitten auf dem Boden und wabbelte langsam in ihre Richtung. Tanja wurde schlecht. Krampfhaft unterdrückte sie die aufsteigende Übelkeit. Ein erneuter Schrei nach Armin verstummte, als ihr aufging, dass er ja bereits zur Arbeit gefahren war. Zitternd zog sie sich zurück, ohne die Augen von diesem Ding zu lassen. Als sie es nur mehr als wallenden grünen Punkt erkennen konnte, drehte sie sich um und rannte los, um den Staubsauger zu holen.
Es lag auf dem Boden. Irgendetwas hatte es geweckt. Ein Schrei vielleicht, aber es war sich nicht sicher. Es wusste nicht, wie es hier herkam. Es wusste überhaupt sehr wenig. Instinktiv fuhr es seine Tentakel aus, filterte Luft und Staub und begann ein deutlicheres Bild seiner Umgebung zu bekommen. Es war nicht intelligent - nicht einmal klug - nicht anders als ein Fisch klug ist, der in einer warmen Strömung bleibt, wenn er sie findet. Was es wahrnahm gefiel ihm: Staub, Dreck, Reste organischen Lebens. Vorsichtig öffnete es die Augen und blendende Helligkeit schoss schmerzhaft durch das hochsensible Nervensystem. Panikartig versuchte es wegzurollen. Es schloss die Augen. Sämtliche Wahrnehmung war nun wieder auf die Tentakel beschränkt, die riechen und hören konnten.
Es war noch sehr, sehr klein für seine Art, obwohl es das natürlich nicht wusste - wie es überhaupt sehr wenig wusste - und so war es noch nicht sehr weit gekommen, als es ein seltsames Dröhnen und einen starken Wind spüren konnte. Ängstlich zog es die Tentakel ein und von einer unbekannten Kraft gezogen begann es zu rollen; einer schwarzen Öffnung entgegen, die es nicht sehen konnte und in der es mit einem „Plitsch“ verschwand. * * * Es war Nacht und die kleine Hausmaus fühlte sich sicher, als sie aus ihrem Loch hinter dem Schrank in der Abstellkammer hervor kroch. Irgendwie hatte sie das vage Empfinden, als sei noch jemand im Zimmer. Aber da alles so roch und aussah wie immer, machte sie sich trotzdem auf den Weg. Sie tippelte mit ihren kleinen Füßen auf der Suche nach Nahrung los. Sie fand ein Tütchen, das vom Regal gefallen war, und begann daran herumzunagen. Als sie einige Bissen getan hatte, konnte sie bereits riechen, dass etwas Essbares darin war. Dann stieß ihre winzige Zunge auf etwas Süßes und Weiches. Glücklich begann sie das Tütchen in Richtung ihres Loches zu zerren, vorbei am Schrubber auf den Staubsauger zu. Ein Rappeln und ein seltsam quatschendes Geräusch ließen sie plötzlich herumfahren. Die braunen Augen vor Schrecken weit aufgerissen sah sie noch einen glibberigen Tentakel aus der Öffnung des Staubsaugers auf sich zuschnellen ... Blitzschnell war die Maus durch den Saugspalt nach innen verschwunden. Man konnte noch ein jämmerliches Quieken hören, das bereits vom Knacken kleiner Knochen begleitet wurde. Es folgten ein ekelerregendes Schlürfen und ein zufriedenes Grunzen. Dann kehrte Ruhe ein und die Nacht war wieder so still, wie man es von ihr erwartete.
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Leseprobe „Aroshs Blatt“ ©2004 Boris Schneider Mitten im Gang vor ihr thronte ein Wesen, wie sie noch nie zuvor eines gesehen hatte. Es füllte den Tunnel – ihren Rückweg – fast vollständig aus. Eine geifernde Fratze starrte ihr entgegen, vergleichbar mit der eines Leguans, nur zehnmal größer. Das Maul war nur leicht geöffnet, aber trotzdem hätte ihr Arm noch locker zwischen den spitzen Zahnreihen durchgepasst. Der heiße Atem, der der Öffnung entquoll, roch so stark nach Verwesung, dass Nyvien auch die wohlriechende Salbe unter der Nase nichts mehr nutzte. Die Galle kam ihr hoch. Als das Untier die Magierin erblickte, stellte es eine Art Halskrause auf. Klickend stießen die Schuppen gegen die Tunnelwand. Der Durchgang vor ihr war nun restlos ausgefüllt, mit Tier, mit Schlange, mit Lindwurm! Über einen Lindwurm zu lesen war eine Sache, aber ihm leibhaftig gegenüber zu stehen eine ganz andere. Die violett glühenden Augen wirkten klein in dem riesigen Kopf und starrten Nyvien abschätzend an. Der lidlose Blick ließ ihr die Knie zittern.
„Eclair!“, schrie sie und zielte mit ihrem Amulett auf das rechte Auge. Der Blendstrahl schoss aus ihrem Talisman und traf das riesige Reptil. Nichts passierte! Kein Zucken, kein Aufschrei, kein Aufbäumen, nichts! Das Tier klappte lediglich seinen Kragen ein und ließ ihn dann umso heftiger erneut gegen die Wand klicken. Es war als wollte es sagen: So, dass war also dein Versuch? Jetzt bin ich an der Reihe! In Sekundenbruchteilen klappte das Maul auf und eine riesige lila Zunge peitschte ihr entgegen. Mit reflexartiger Geschwindigkeit sprang sie zurück in den Seitengang. Das violette Organ von der Dicke eines ihrer Beine zischte an der Öffnung vorbei. Mit staunend geöffnetem Mund stand sie da und starrte, wie es sich wieder zusammen zog und mit einem schmatzenden Geräusch aus ihrem Sichtfeld verschwand. Ihre Starre löste sich erst als sie ein Schaben hörte. Es klang, als würden Ketten über den Boden geschleift. Sie wusste genau, was das bedeutete. Der Lindwurm hatte Beute gewittert. Sie rannte so weit voran, bis sie einen sicheren Abstand zur Biegung hatte. Als sie sich umdrehte, tauchte die Visage des Untiers gerade um die Ecke hinter ihr auf. Ohne Zögern schleuderte sie ihm einen Feuerball entgegen. Mitten durch die davon schiessende Flammenkugel sah sie noch die lila Zunge heranzischen; wie ein violetter Pflanzenstängel, der statt aus der Erde aus dem Feuer spross. Immer näher kam er, näher, immer näher. Sie stand noch immer nicht weit genug weg, realisierte sie in Panik. Trotz eines entsetzten Schrittes nach hinten klatschte die klebrige Spitze an ihre Brust und wollte sie von den Beinen reißen. Verzweifelt stemmte sie sich dagegen. Sie krallte sich mit der freien Hand an der Wand fest, dass ihr die Fingernägel brachen. Mit der anderen Hand presste sie das Amulett gegen die Zunge, die daraufhin seltsam zuckte. Dann riss der Stoff ihrer Bluse und das Organ peitschte zurück, einen Kleidungsfetzen mit sich ziehend. Sofort schickte sie einen zweiten Feuerball hinterher. Sie sah wie der Lindwurm den Rachen aufriss und ihren Zauber schlichtweg verschluckte. Das Geräusch, das das Reptil danach ausstieß klang jedoch nicht nach Schmerzen, sondern schien viel eher ein Wohlgefühl auszudrücken. Nyvien hätte sich in den Arsch beißen können. Drachen mit Feuer zu bekämpfen, das war als wollte sie einen Fisch ertränken.
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Hallo, darf ich mich vorstellen?
Ich heiße „Der Gesichtsverkäufer“ und bin das neueste Buch von Helmut Glatz. Wahrscheinlich auch das lustigste. Und wer ist der Gesichtsverkäufer? Ee wohnt im Hinteranger und verkauft Gesichter für verschiedene Gelegenheiten. Da gibt es zum Beispiel für Politiker das allgemeine Bierzeltgesicht, für geistliche Herren das Salbungsgesicht, für Autofahrer die wütende Leckmichmaske, für arme Poeten den transzendentalen Hundeblick. Aber auch noch andere „Charaktere“ sind in mir zu finden. Zum Beispiel der Sammelsammler, der nichts anderes tut, als andere Sammler zu sammeln. Oder der Geigenzähler, dessen Behuf es ist, in den Konzerten die Geigen zu zählen. Oder der Lückenbüßer, der jede sich auftuende Lücke benützt, um sich hinzuwerfen und seine Bußübungen durchzuführen. Oder der Leisetreter, der Haspelpfröpfler und die Bliske im weinenden Hemde. Ich kann mich bei diesen „Charakterstudien“ auf eine illustre Ahnenreihe berufen, die vom antiken Philosophen Theophrast über Sebastian Brand bis zu Elias Canetti reicht. Natürlich bin ich nur ein quasi illegitimer Nachfahre, der all den ernsthaft-hintergründigen Psychologen eine lustig – grotesk– verrückte Komponente hinzufügt. 53 Geschichten sind in mir zu finden, viele vom Autor selbst illustriert. „Manche der Charaktere mögen Ihnen bekannt vorkommen, und im einen oder anderen werden Sie vielleicht Ihre Freunde, Ihre Nachbarn – oder gar sich selber entdecken.“
Ich bin erschienen bei BoD, Norderstedt, ISBN 978-3-8391-8358-8 und koste 8,90 Euro.
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